Filmkritik „Mit Burnout durch den Wald“

Wie getriebene Lemminge rennen wir durch unser Leben.

– aus „Mit Burnout durch den Wald“

 

Stimmt. Dieses Zitat stimmt! Jeder von uns kennt das. Meistens in Phasen, wenn es mal wieder besonders hektisch ist und viel Unterschiedliches von einem zu einem bestimmten Zeitpunkt abverlangt wird. Erst vor den Sommerferien habe ich das bei ein paar Freundinnen beobachtet, die vom Sommerfest der Kinder in der Schule, über Sommerfest der Kinder im Verein, zur Lehrerverabschiedung, Gartenparty bei Freunden, Urlaubsplanung und sonstigen unendlichen ToDos in einer Woche berichteten. Mir wurde schon beim Zuhören schwindelig und ja, mein Brustkorb schnürte sich nur durchs pure Nachempfinden zu. Wie bei Johann, einem der Protagonisten in „Mit Burnout durch den Wald“ welcher am Freitag im Ersten lief. Als ich den Filmtitel gesehen habe wusste ich, DEN muss ich sehen. Selbst einst Betroffenen ist das ein Thema, was mich immer noch und auch immer wieder interessiert und fesselt. Doch noch einmal kurz zurück zu meinen Freundinnen: das war nur eine Phase. Eine überaus herausfordernde kurz vor den Schulferien, aber mit Beginn der Sommerferien kehrte auch wieder die Ruhe in den prall gefüllten Terminkalender ein.

Diese Ruhe kehrt im Film nicht ein. Er handelt von sechs Protagonisten, die sich mehr oder weniger freiwillig auf ein 4-tägiges Experiment im Wald mit Therapeutin Hannah einlassen. Weg vom Trubel, weg vom Alltag und weg vom eigenen Leben. Ein zusammengewürfeltes Team, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Egal ob Pädagogin, Manager, Arbeitsloser, Rentner oder Dauerpraktikantin. Denn eines will dieser Film verdeutlichen: es ist längst nicht mehr nur der Top-Manager, den Burnout ereilt. Diese Erschöpfungsdepression zieht sich durch alle Kreise. So wie bei Gudrun, geschätzt Anfang 60, die die Mutterrolle nicht loslassen kann obwohl die erwachsene Tochter Jenny längst aus dem Haus ist. Sie ist in eine Depression verfallen und empfindet das Leben ohne die aufopferungsvolle Ausübung der Mutterrolle als nicht erfüllend. Abgesehen davon dass jeder neue Tag zeitgleich einen Tag näher am Tod bedeutet.

Da ich selbst Burnout hatte und auch in meiner Klinikzeit viele unterschiedliche Menschen getroffen habe, kann ich die ARD nur loben, dass sie das Thema realistisch wiedergegeben haben. Der Drehbuchautor war meiner Meinung nach entweder selbst betroffen oder hat sehr gut recherchiert was dies angeht. Auch Begleiterscheinung wie Tinitus, Angstzustände und Panikattacken kamen – wenn auch nur kurz – im Film vor. Besonders spannend fand ich auch die Thematisierung von Süchten, mit denen die Betroffenen versuchen die innere Leere zu füllen wie Handy-, Kauf-, und Arbeitssucht. Auch das Streben nach Anerkennung und Liebe fand einen wichtigen Teil im Film. Und ja, und da mache ich persönlich der ARD keinen Vorwurf, schließlich muss ein Film, der Freitag abends zur Prime Time im Ersten läuft, auch eine kleine Liebesgeschichte beinhalten um den Zuschauer zu unterhalten. Und ja, es ist auch sehr verwegen darzustellen, dass nach vier Tagen Wald mit Fremden und Therapiesitzungen ein Burnout geheilt ist. Ganz so einfach ist es natürlich nicht (wenn ich mir das damals auch oft gewünscht hätte). Aber es ist ein Ansatz. Und das ist es wahrhaftig. Die dargestellten Therapieansätze sind nämlich im wahren Leben genau so, wie in „Mit Burnout durch den Wald“. Natürlich werden diese Therapieansätze in einer psychosomatischen Klinik noch durch viele weitere ergänzt, doch diese Ansätze helfen definitiv sich mit dem Wesentlichen auseinanderzusetzen: mit sich selbst.

 

Mit Burnout durch den Wald

Die wichtigsten Punkte rund um den Burnout, die tatsächlich der Wahrheit entsprechen sind und Teile des Films sind:

  • dass man den Blick aufs wesentliche ICH nur finden kann, wenn man sich aus dem Alltag rauszieht
  • dass das nur ohne Ablenkungen (TV, Internet, Telefon, Familie, etc.) funktioniert
  • dass der Aufenthalt in der Natur, besonders im Wald, das Ganze sehr unterstützt
  • dass ein strukturierter Therapieablauf Halt gibt
  • dass Mitpatienten die besten Co-Therapeuten sind
  • dass man sich dann öffnet wenn man Gleichgesinnte um sich hat
  • dass es ohne Veränderung keine Verbesserung gibt
  • dass der eigene Sarkasmus in Exrtemsituationen zum Vorschein kommt

 

Das sind nur einige der Dinge, die mir sofort auffielen, als ich den Film gesehen habe. Vermutlich genau aus dem Grund, weil ich selbst einmal dazu gehörte. Zu denen, die fest davon überzeugt waren, dass sie keinen Burnout haben. Zu denen, die am Ende verdammt viel durch die Gespräche mit Mitpatienten gelernt haben. Und zu denen, die all diese oben genannten Punkte im Vorfeld nicht geglaubt hätten. Aber genau so ist es. 

Und ja, in diesem Film geht das Thema Burnout nicht in die Tiefe, aber es werden die Problemstellungen thematisch an der Oberfläche angekratzt und es wird gezeigt, dass es nicht mehr nur TOP Manager geht. Und dass allen Betroffenen der Blick fürs eigene Wohl fehlt. Weil keiner mehr auf sich achtet oder auf das was ihm gut tut! Weil jeder nur noch für die Kinder, den Job oder das nächste große Etwas lebt. Was definitiv zu kurz kam war die Traurigkeit, die Betroffene ereilt. Aber man kann auch nicht alles in nur 90 Minuten packen.

Dieser Film ist für alle, die auf die ein oder andere Weise einen Berührungspunkt zum Thema Burnout haben oder alle, die einfach nur eine gute Unterhaltung zu einem Thema möchten, das noch immer in aller Munde ist. Denn was dem Film ganz und gar nicht fehlt ist Humor. Es ist ein unterhaltsam gestalteter Film zu einem tiefgehenden Thema. Das muss man erst einmal so hinbekommen. Chapeau ARD!

Und wer diesen Film noch nicht gesehen hat, kann ihn noch bis 5. September in der ARD Mediathek abspielen.

 

P.S.: Wenn Du gerne wissen möchtest was der Burnout für mich bedeutet hast, findest Du das auch in diesen Artikeln: Der SonntagshasserWenn die Freude auf einmal weg istHört das je wieder auf und Diagnose Burnout.

 

One thought on “Filmkritik „Mit Burnout durch den Wald“

  1. Ich stimme Dir voll und ganz zu. Und das, obwohl ich deutsche Filme meist per se schlecht finde. Freut mich, dass es gerade bei so einem wichtigen Thema mal einen gelungenen Film aus Deutschland gibt.

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